Frankfurter Neue Presse: Von der Börse zum Extremsport


Interview mit Extremsportler Joe Kelbel

Früher war er Börsianer, heute ist er Ultraläufer, stellt sich sportlichen Herausforderungen auf der ganzen Welt: Joe Kelbel. Der 52-jährige Frankfurter läuft durch Wüsten und über Gebirgsketten, Hunderte von Kilometern. Am Wochenende hat er sein Buch „100 Kilometer für ein Bier“ auf dem Extremsport-Tag in der Uniklinik vorgestellt. FNP-Redakteurin Julia Lorenz sprach mit ihm über seinen Sport, seine Erlebnisse und was es mit dem Bier auf sich hat. Vier weitere Extremsportler berichten zudem in kurzen Interviews, warum sie ihre Körper solche Belastungen zumuten.

Herr Kelbel, gerade sind Sie aus Marokko zurückgekommen. Was haben Sie dort gemacht?

JOE KELBEL: Ich bin 72 Kilometer durch das Anti-Atlas-Gebirge nahe der kleinen Stadt Tafraout gelaufen, in einer Höhe von 2000 Metern in einem wolkenlosen Himmel. Es war einfach fantastisch. Rosarote Granitlandschaften, grüne Palmen.

Sie haben bereits 346 Marathons, davon 137 Ultraläufe, hinter sich gebracht. Ein Ultralauf ist ein Rennen, das über die Marathondistanz von 42,195 Kilometer hinausgeht. Das ist schon etwas verrückt.

KELBEL: Vielleicht. Für mich ist das aber ganz normal. Es sieht ja auch nur für den Außenstehenden nach Extremsport aus, wenn man etwa Hunderte Kilometer durch die Wüste läuft. Aber ich trainiere nicht. Ich nehme nur an den Wettkämpfen teil. Allerdings muss ich sagen: Alles jenseits der 100 Kilometer tut weh.

Sie trainieren nicht? Wie halten Sie denn die Distanzen aus?

KELBEL: Ich kann es halt. Ich habe mit zwölf Jahren begonnen zu laufen. Damals wollte ich eigentlich nur herausfinden, ob ich schneller bin als der Jagdhund meines Vaters. Ich habe ihn besiegt und bin beim Laufen geblieben. Damals habe ich dann begonnen, zwei Mal pro Woche 15 Kilometer zu laufen. Meinen ersten Marathon bin ich 2000 in Frankfurt gelaufen.

Was fasziniert Sie denn an den Rennen?

KELBEL: Die Zusammenkunft mit anderen verrückten Leuten aus der ganzen Welt. Die Alternative wäre, mich abends von meinen Freunden in Frankfurt zum perfekten Dinner einladen zu lassen und sonntags den Tatort zu schauen. Das wäre mir aber zu langweilig. Auf den Läufen treffe ich auf Menschen mit Ideen im Kopf, die raus wollen, um etwas zu erleben. So wie ich. Ich werde meinen Enkeln zwar nicht sagen, wer der Mörder beim Tatort war, aber ich kann ihnen Geschichten aus Kambodscha, Oman und Bhutan erzählen.

Was war denn Ihre größte Herausforderung?

KELBEL: Das war im vergangenen Monat im Hohen Atlas in Marokko. Dort bin ich 105 Kilometer auf einer durchschnittlichen Höhe von 3000 Metern gelaufen, 36 Stunden, nonstop. Das werde ich nie wieder machen. Das war einfach zu anstrengend. Der Spaß soll ja im Vordergrund stehen.

Was ist Ihnen denn auf all Ihren Reisen in den vergangenen Jahren besonders im Gedächtnis geblieben?

KELBEL: Die Begegnungen mit den Einheimischen. Weil ich nicht der Stoppuhr, sondern den Erlebnissen hinterherlaufe, mache ich auch mal Pausen, setze mich zu den Einheimischen, rede mit denjenigen, die am Rande stehen, übernachte in kleinen Dörfern mitten in der Wüste oder in Klöstern. Da bekommt man viele tolle Dinge erzählt, Dinge, die ein Pauschaltourist im Reisebus niemals erfährt.

Sie zogen 1983 nach Frankfurt, machten eine Banklehre bei der Dresdner Bank und arbeiteten anschließend 19 Jahre an der Börse. Warum haben Sie dort aufgehört?

KELBEL: Das war nach dem 11. September 2001. An diesem Tag brachen meine Nerven zusammen, ich konnte nicht mehr. Ein Extremsportler mag keinen Stress. Jetzt laufe ich eben lieber und berichte aus der ganzen Welt.

Sie haben dieses Jahr auch ein Buch herausgebracht mit dem Titel „100 Kilometer für ein Bier“.

KELBEL: Richtig. In dem Buch steht nicht das Laufen, sondern die Erlebnisse am Wegesrand im Vordergrund. Es geht um Menschen und Landschaften. Ein zweites Buch von mir wird im Frühjahr erscheinen. Mehr darf ich aber noch nicht verraten.

Was hat es mit dem Bier auf sich?

KELBEL: Bier ist wichtig beim Laufen, weil es den Magen beruhigt, und man kann es auch während des Laufens schnell mal runterkippen, ohne eine Pause einlegen zu müssen. Zudem will ich damit ausdrücken, dass man für diesen Sport nicht in Askese leben muss, man muss keine Ernährungs- und Trainingspläne verfolgen. Laufen macht einfach Spaß.

Welche Läufe stehen als Nächstes an?

KELBEL: Ich werde 200 Kilometer durch die Sahara, 200 Kilometer über die Philippinen und 250 Kilometer in Brasilien laufen.

Jetzt sind Sie 52 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch durch die Welt rennen?

KELBEL: Ich werde das machen, solange es geht. Anschließend werde ich wandern.

Haben Sie einen Tipp für all diejenigen, die Ihren inneren Schweinehund bisher noch nicht besiegen konnten, um die Laufschuhe zu schnüren?

KELBEL: Man darf die Lauferei nicht zu ernst nehmen. Und es müssen nicht immer gleich 100 Kilometer sein, die man bewältigt. Schon fünf Kilometer sind eine tolle Leistung.

Warum wir die außergewöhnliche Belastung lieben

Sven Ole M. (47) und Nicole B. (38) aus Thüringen:
„Extremsport steht für uns sinnbildlich für das Leben: Es gibt Höhen und Tiefen. Wir haben in diesem Jahr beim ,Race Across America‘ im Vierer-Mixed-Team U 50 teilgenommen und gewonnen. In diesem Rennen fuhren wir mit dem Rad über 5000 Kilometer von der West- an die Ostküste der USA. Der Reiz liegt neben den sportlichen Zielen auch darin, die mentalen Grenzen zu überschreiten. Auf einer so langen Strecke ist man meist ganz alleine mit sich und seinen Gedanken. Zwei Drittel sind reine Kopfsache. Das andere Drittel macht die körperliche Verfassung aus, für die wir mit ungefähr 28 Stunden pro Woche hart trainieren. Das setzt natürlich voraus, die gesamte Freizeitgestaltung danach auszurichten.“

Ricarda B. (53) aus der Schweiz:
„Ich liebe schon seit meiner Kindheit das Abenteuer. Mit dem Laufen habe ich 1999 angefangen – zunächst als Fitnessprogramm. Später habe ich die Intensität gesteigert: vom Marathon bis hin zu den Extremläufen. 2015 habe ich dann am ,Badwater 135‘ teilgenommen, einem der härtesten Ultramarathons der Welt mit 135 Meilen durch das Death Valley bei über 50 Grad Celsius und einem Gesamthöhenunterschied von 4000 Metern. Pro Stunde verliert der Körper einen Liter Flüssigkeit. Mein Partner, der ebenfalls die Strecke gelaufen ist, hat mich als Teil der Crew unterstützt, um das Zeitlimit einzuhalten. Nur dann bekommt man die begehrte Prämie – eine Gürtelschnalle. Platzierungen sind mir nicht so wichtig.“

Cornelia H. (58) aus Wiesbaden:
„Am liebsten würde ich jeden Tag einen Marathon laufen. Ich laufe zwar nicht die Ultramarathons, die Häufigkeit mit einem täglichen Trainingsumfang von bis zu 15 Kilometern ist bei mir das Extreme. Mein Antrieb ist das kontinuierliche Setzen von neuen Zielen, eng geknüpft an mein Spendenlaufprojekt
,Run & Help‘. Seit 2009 habe ich auf diesem Weg über 13 000 Euro für die ,Ärzte ohne Grenzen‘ gesammelt. Natürlich spielt das Thema Gesundheit beim Extremsport eine sehr große Rolle. Deswegen halte ich mich ständig auf dem Laufenden auf den Gebieten Trainingsplanung, Regeneration und auch Ernährung. Wann ich die Laufschuhe an den Nagel hänge? Für mich gilt der Satz ,Von der Wiege bis zur Bahre‘ . . . “

Marco S. (40) aus Lampertheim:
„Bei mir hat die Liebe zum Sport im Kindesalter mit Judo begonnen. Ich wollte mich gegen Größere behaupten und meine Grenzen kennenlernen. Vor dem Training dusche ich oft kalt und laufe mit nassem Oberkörper im Winter. Es ist erstaunlich, wie belastbar der Körper ist, sich den Anforderungen anpasst
und abhärtet. Eine gewisse Schmerzaffinität gehört dazu, aber mein an Krebs verstorbener Freund kann gar nichts mehr spüren. Ich engagiere mich ehrenamtlich für den guten Zweck mit meinem Projekt ,Athletes for Charity‘. Dabei geht es nicht nur um das Sammeln von Spenden, sondern vor allem um schöne Erlebnisse für Schwerkranke. Bis Anfang Januar organisiere ich noch ein Rennen in Peru und laufe einen Polarmarathon.“

FNP, 28.11.2016 – Texte/Fotos: Michael Faust

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